Das 1760 gebaute Flarzhaus in Horgen wurde schon mehrmals renoviert, das letzte Mal vor gut 25 Jahren. Die neue Eigentümerin möchte das Haus von allen unpassenden Materialien befreien, energetisch sanieren und ausbauen: so originalgetreu, nachhaltig und eigenständig wie möglich. Ein Gang durchs heutige Haus zeigt Spuren der Zeit und die Liebe zu Handwerk, Kunst und Natur.
Die neue Besitzerin möchte das historische, bäuerliche Reihenhaus sanieren. Das bedeutet auch, dass sie die Gegebenheiten des Hauses annimmt und weiterentwickelt – und nicht alles nach heutigen Standards umfunktioniert. Ein Beispiel dafür ist der Einbau eines historischen Kachelofens als Ganzhausheizung – eine Notwendigkeit, denn das Haus war bisher nur über einen Zimmerofen und Elektro-Öfen beheizt worden. Ein von einem Bauernhaus ausgebauter Kachelofen aus dem Jahr 1777 wird durch den Ofenbauer aufwändig im Flarzhaus als Herzstück des Hauses wieder eingebaut. Die Ofenfüsse, die Russtüren und der Holzkochherd können vom Historischen Bauteillager Ostschweiz übernommen werden, während die Sandsteinplatten passgenau neu produziert werden.
Das Prinzip der sorgfältig zusammengesuchten Einzelteile, die miteinander eine neue Einheit ergeben, die weder perfekt noch abgeschlossen ist, zieht sich durchs ganze Haus.

Unfertiges wirken lassen, bis sich das Einzelne zum Ganzen verwebt.
— Ursula May, Besitzerin und Bauherrin
Zitat von Zimmerleuten?
— Ben, ?
Ein wesentlicher Teil des Projekts war die energetische Sanierung des Dachs und der Ausbau des Dachgeschosses als Wohnraum. Der Einbau von Dachflächenfenstern, einer Schleppgaube und einer Solarthermieanlage erfordert eine Verstärkung des Dachstuhls. Auch die Deckenbalken müssen aufgrund grosser Sprungmasse zunächst verstärkt werden.


Die Solarthermie auf der neuen Schleppgaube ergänzt den Kachelofen: Sonnenenergie erwärmt Wasser, das im Keller gespeichert und im Sommer sowie in den Übergangszeiten für warmes Brauchwasser genutzt wird. Im Kachelofen verborgene Absorber mit Kupferrohren erwärmen bei der Befeuerung ebenfalls Wasser für den Speicher, von wo aus Brauchwasser und Radiatoren versorgt werden.
Für das Gewicht von Kachelofen und Speicher wurde das Tragwerk mit einem Stahlträger verstärkt.
Bei den Materialien setzt das Team auf Natürlichkeit: Schafwolle als Dämmung, Lehm und Kalk für Wand- und Deckenputze sowie Kalk- und Lehmfarben, die sich mit dem Lichteinfall verändern und den Räumen immer wieder eine neue Wirkung verleihen.
Zitat von Gipser?
— Marco, ?
Die textile Heimarbeit bildet ein zentrales Kapitel der Schweizer Industriegeschichte in Flarzhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie war ein willkommener Nebenerwerb, wenn die bäuerlichen Einnahmen kaum ausreichten. Die Erinnerung an das Weben wird im Haus aktiv weitergelebt: Die neuen Treppen sind mit Stauraum und mit Geländern in Form von Webfäden ausgestaltet. Sie laden ein, die Geschichte weiterzuspinnen – was die Besitzerin mit viel Leidenschaft tut. Ein sich ständig weiter wandelndes Gesamtkunstwerk entsteht. Inspirieren liess sie sich auch von der Textilkunst der Zürcherin Marie Schumann, deren Exponat im Haus ausgestellt ist.
Die Idee, lokale und regionale Handwerker und Künstlerinnen miteinzubeziehen, zieht sich wie ein roter Faden durchs Haus: So werden im Bad beispielsweise die Vorhänge von einer Schneiderin in Horgen genäht. Und der auf den Spülkasten integrierte Waschtisch ist ein Einzelstück, handgeformt von einer Keramikerin aus der Region.


Das war ein besonderes Projekt, wie man es sich eigentlich
nur wünschen kann: unsere Ideen und Inspirationen haben wir
gegenseitig aufgenommen und weitergesponnen.»
— Jan Solenthaler, Projektleiter, Bauleiter und ausgebildeter Material- und Farbgestalter
Das Petrolgrün der lasierten Küchenfronten aus Fichtenholz weckt bei der ersten Betrachtung Assoziationen zum Märchen „Der Froschkönig“. Wie ein unsichtbarer Faden nehmen das Farbkonzept und die Materialwahl die Stimmung des Märchens auf: Es schwingen Unterwasserwelten, herbstliche Waldspaziergänge und das Glitzern des Sonnenlichts auf dem Weiher mit. Spuren davon finden sich in Bad und Toilette, im weinroten Klinkerboden aus Embrach, im Soft Screen von Marie Schumann sowie in den Tapeten und dem Kronleuchter im Dachgeschoss.
Das Zusammenspiel von lauten und zarten Tönen schafft Raum für die Spuren der Zeit und des Handwerks. Kein Klinker gleicht dem anderen: handgeschnitten, je nach Brenntemperatur heller oder dunkler. Die Spuren des Verputzers und Malers, die durchgebogenen Holzböden und die alten, teilweise erhaltenen Tapeten erzählen ihre eigene Geschichte.
Aus der engen Zusammenarbeit von Bewohnerin, Projektleitung, Handwerkerinnen und Handwerkern sowie Künstlerinnen ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das die Geschichte des Hauses mit der Handschrift seiner Bewohnerin weitererzählt.
Ein Haus, das in kein Raster passt: poetisch, zauberhaft und verspielt. Mutig, unkonventionell und wunderbar eigenwillig.


In gemeinsamer Arbeit ist aus einem maroden, verbauten Haus eine optische Augenweide im Originalzustand geworden.
— Ben Bither, Leitung Zimmermannarbeiten
- Originalgetreue Ertüchtigung und Wiederherstellung eines bäuerlichen Reihenhauses aus dem 18. Jahrhunderts
- Energetische Sanierung des Dachs mit Solarthermie, Ausbau des Dachstuhls zum Wohnraum
- Einsatz von natürlichen, nachhaltigen Materialien wie Lehm, Sumpf, Kalk und Schafwolle
- Zirkuläres Bauen: viele Elemente stammen aus dem Bauteillager
- Sanierung mit Mut zu Makeln: Spuren der Zeit und des Handwerks werden bewusst belassen
- Enge Zusammenarbeit mit Gewerken und Künstlern ermöglicht einzigartiges Schmuckstück
| Kennzahlen | |
|---|---|
| Zeitraum | Januar bis August 2026 |
| Baukosten | CHF CHF 750'000.– |
| Bauherrschaft | Ursula May |
| Mitgliederfirmen | |
|---|---|
| Projekt- und Bauleitung | Schäublin Architekten AG, Zürich |
| Zimmermannsarbeiten | Genossenschaftliches Handwerkskollektiv, Zürich |
| Gipserarbeiten | Marco Bonardi Gipser AG, Zürich |
| Metallbau | Tangemann Metallbau AG, Zürich |
Fotos Objekt: © Studio Gataric Fotografie Text: Claudia Kaufmann


















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