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Dezent im Hintergrund, zentral für das Ganze – das Wirkungsfeld von Bauphysiker:innen.

Altbauweise Mitglied Thomas Stahl (M.Sc. Bautenschutz, Dipl.-Ing. (FH) Bauphysik und diplomierter Malermeister) steht mitten im Geschehen. Als Geschäftsführer von IABP, dem in Winterthur ansässigen Ingenieurbüro für Bauphysik, blickt er auf 35 Jahre Praxiserfahrung zurück. Seine Tätigkeit beschreibt er als vielseitig und komplex. Hier gewährt er uns einen Einblick in seinen Arbeitsalltag.

Fokus: Physik

Bauphysik ist ein Teilgebiet des Bauwesens, das nicht direkt sichtbar ist, aber die Qualität eines Gebäudes entscheidend beeinflusst. Sie richtet den Blick auf die physikalischen Prozesse im Gebäude – und darauf, wie diese den Komfort, die Energieeffizienz und die Lebensdauer beeinflussen. Anders als Statiker:innen, die sich mit der Tragfähigkeit einer Kontstruktion befassen, beschäftigen sich Bauphysiker:innen mit Wärme, Feuchtigkeit, Schall und Raumklima. Sie verstehen Gebäude als komplexe Systeme, in denen viele Gegebenheiten zusammenwirken.

Bauphysikalische Fachplanung

Hier setzt die Arbeit von Thomas und seinem Team an. Basierend auf Zustandsanalysen – sei es vor einem geplanten Umbau oder im Zuge eines Schadensfalls – entwickeln sie durchdachte und ganzheitliche Sanierungskonzepte. Angestrebt werden stets Lösungen, die langfristig tragfähig sind und Probleme nachhaltig beseitigen.
Das Team berät Bauherrschaften bei Fragen rund um energetische Sanierungen. Sie unterstützt diese, die Bereiche Akustik, Schallschutz und Raumklima zu optimieren.
Ausserdem erstellen die Fachplaner:innen von IABP Energie- und Schallschutznachweise für Baueingaben.
Ein bedeutender Teil der Aufträge besteht ausserdem in der Erstellung von Gutachten zu Bauschäden an Neu- und Altbauten. Diese fachlichen Einschätzungen dienen als wichtige Grundlage in juristischen Verfahren.

Methoden und Arbeitsweise

Analysen beginnen in der Regel mit einer Begehung vor Ort. Dabei führt Thomas verschiedene Messungen durch und entnimmt Proben. Einfachere Auswertungen können im eigenen Labor vorgenommen werden; für komplexere Analysen arbeitet IABP mit spezialisierten externen Laboren zusammen. Mit den gewonnenen Messwerten speist der Bauphysiker moderne Computer-Berechnungsmodelle. Dank seiner langjährigen Erfahrung kann Thomas die verschiedenen Resultate kombinieren und praxisnahe Vorschläge für Sanierungsmassnahmen ableiten.

Während einer Begehung achtet Thomas zudem auf weitere mögliche Auffälligkeiten. Ergeben sich beispielsweise Fragen zur Baustatik, empfiehlt er einen Bauingenieur beizuziehen. Besteht der Verdacht auf Schadstoffe – etwa toxische Holzschutzmittel auf Dachbalken – rät er zu entsprechenden Analysen durch spezialisierte Schadstoffexperten.

Links: Die Restauratorin von IABP untersucht den Farbaufbau im Schloss Wülflingen. Rechts: Zweck einer Bauteilöffnung ist es, Informationen hinsichtlich des Konstruktionsaufbaus und der Materialität zu gewinnen.
Links: Die Restauratorin von IABP untersucht den Farbaufbau im Schloss Wülflingen. Rechts: Zweck einer Bauteilöffnung ist es, Informationen hinsichtlich des Konstruktionsaufbaus und der Materialität zu gewinnen.

Ganzheitliche und nachhaltige Herangehensweise

Bei Bauschäden steht für Thomas stets die sorgfältige Ursachenforschung im Zentrum. Statt Symptome zu bekämpfen, sucht er nach den eigentlichen Auslösern des Problems.
Zum Beispiel werden alte Fenster oft wegen Feuchtigkeit und Schimmel ausgetauscht. Bei schlecht gedämmten Fassaden kann sich das Problem jedoch verlagern: Nicht mehr das Fenster, sondern die Wandecke wird zur kältesten Stelle im Raum. Dort kondensiert dann zuerst Feuchtigkeit – und der Schimmel tritt nun in der Ecke auf. Eine ganzheitliche bauphysikalische Betrachtung verhindert solche Folgen.

Messung von Feuchtigkeit über einen bestimmten Zeitraum im Fraumünster Zürich (links) und im Keller eines knapp 100-jährigen Einfamilienhauses in Winterthur (rechts).
Messung von Feuchtigkeit über einen bestimmten Zeitraum im Fraumünster Zürich (links) und im Keller eines knapp 100-jährigen Einfamilienhauses in Winterthur (rechts).
Links: Villa in Nussbaumen. Über die Jahre wurden verschiedene Sanierungsversuche durchgeführt – bisher vergeblich. Rechts: Restaurantkeller in Bauma: Typische Salzausblühungen zerstören den Verputz.
Links: Villa in Nussbaumen. Über die Jahre wurden verschiedene Sanierungsversuche durchgeführt – bisher vergeblich. Rechts: Restaurantkeller in Bauma: Typische Salzausblühungen zerstören den Verputz.
Im Ritterhaus Bubikon (links) und beim Radwegsteg zwischen Winterthur und Neftenbach (rechts) entnimmt Thomas Bohrprofile an Holz- oder Mauerteilen, damit er deren Zustand und Tragfähigkeit beurteilt kann.
Im Ritterhaus Bubikon (links) und beim Radwegsteg zwischen Winterthur und Neftenbach (rechts) entnimmt Thomas Bohrprofile an Holz- oder Mauerteilen, damit er deren Zustand und Tragfähigkeit beurteilt kann.


Auch bei energetischen Sanierungen und Umbauten betrachtet er das Bauwerk in seiner Gesamtheit, anstatt dieses auf Teilbereiche zu reduzieren.

Wärmebild eines historischen Gebäudes in Rheinfelden. Die roten Bereiche zeigen die energetisch verlustreichsten Stellen.
Wärmebild eines historischen Gebäudes in Rheinfelden. Die roten Bereiche zeigen die energetisch verlustreichsten Stellen.
Bauleitung einer energetischen Sanierung in Russikon. Gut geplant und mit zuverlässigen Handwerkern ausgeführt, ist die Koordination der verschiedenen Handwerkerleistungen kein Problem.
Bauleitung einer energetischen Sanierung in Russikon. Gut geplant und mit zuverlässigen Handwerkern ausgeführt, ist die Koordination der verschiedenen Handwerkerleistungen kein Problem.


Bei Neubauprojekten bringt Thomas seine Erfahrung ebenfalls gezielt ein. Dabei kombiniert er praktische Kenntnisse mit modernen Berechnungsmodellen, welche die verschiedenen relevanten Parameter berücksichtigen und die physikalischen Begebenheiten vorhersagen können.

Leider wird aus Kostengründen häufig auf eine bauphysikalische Analyse verzichtet. Dabei sind diese Aufwendungen meist gering im Vergleich zu den erheblichen Kosten, die entstehen, wenn Bauschäden erst im Nachhinein behoben werden.

Screenshot Diagramm Hygrothermische Bauteilsimulation
Hygrothermische Bauteilsimulation. Voraussagen zur Feuchte und den Temperaturen im Bauteil unter realitätsnahen Bedingungen. Wichtig bei Innendämmung.

Nachwuchsförderung

Da Bauphysiker:innen gefragte Fachleute sind, gibt Thomas seine Erfahrung und sein Wissen gerne an die nächste Generation weiter. So unterrichtet er das Fach Bauphysik an der TEKO (Schweizerische Fachschule - Technik und Wirtschaft) und überträgt gemeinsam mit den Bauphysik-Studierenden der HFT Stuttgart (Hochschule für Technik) theoretisches Wissen auf reale Fallbeispiele, mit dem Ziel deren Erfahrungsschatz aufzubauen. Denn Thomas betont: Theoretisches Wissen reicht nicht aus; man muss dieses praktisch anwenden und verschiedenste Informationen miteinander verknüpfen können – und das erfordert viel Übung.

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Fotos: IABP, Text: Nicole Haller

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